Am Rande einer großen Unordnung: Eine Zusammenfassung und Perspektive auf Ray Dalios neueste Erkenntnisse
Ray Dalio warnt, wir befänden uns auf halbem Weg durch den 13. Schuldenzyklus mit unhaltbar hohen Schuldenständen — kurz vor dem Kipppunkt, an dem große Umstrukturierungen und Konflikte drohen.
Wer mich kennt, weiß, dass ich Ray Dalios Arbeit seit einigen Jahren aufmerksam verfolge. Sein Buch "Principles for Dealing with the Changing World Order" ist eines der wichtigsten Bücher, die ich im vergangenen Jahrzehnt gelesen habe. Kürzlich veröffentlichte er einen LinkedIn-Beitrag mit dem Titel "Where We Are in the Big Cycle: On the Brink of a Period of Great Disorder." In diesem Beitrag skizziert er die historischen Muster und Kräfte, die die Welt formen, und prognostiziert eine Phase erheblicher Verwerfungen. Ich möchte die wichtigsten Punkte zusammenfassen und meine Perspektive dazu teilen.
1. Zusammenfassung von Ray Dalios Artikel
Ray identifiziert fünf Kräfte, die den globalen Wandel vorantreiben:
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den Kredit-/Schulden-/Markt-/Wirtschaftszyklus,
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den innenpolitischen Frieden-/Konflikt-Zyklus, der die innere Ordnung prägt,
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den außenpolitischen Frieden-/Konflikt-Zyklus, der die internationale Ordnung prägt,
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Naturereignisse und
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menschlichen Erfindungsreichtum und Technologie.
Aus historischen Mustern schlussfolgert Dalio, dass diese Kräfte jetzt ihre stärkste Ausprägung seit den 1930er Jahren erreicht haben — mit der möglichen Folge erheblicher Verschiebungen in der Finanz-, Innen- und Weltordnung. Dies kann natürlich auch schreckliche Konflikte zwischen Großmächten bedeuten.
Wo wir im großen Zyklus stehen und wohin wir steuern
„Seit 1945 hat es 12 einhalb Kredit-/Schulden-/Markt-/Wirtschaftszyklen und damit verbundene politische Konjunkturschwankungen gegeben. Wir befinden uns jetzt etwa auf halbem Weg durch den 13. kurzfristigen Schuldenzyklus. Dies ist der Moment, in dem die Straffung zur Inflationsbekämpfung Risse in den Finanzmärkten verursacht und kurz bevor der konjunkturelle Abschwung einsetzt." — schrieb Ray.
„Beim langfristigen Schuldenzyklus sind die Bestände an Schuldenwerten und Schuldenverpflichtungen durch unsolide Finanzen auf unhaltbar hohe Niveaus angewachsen, und die Schulden werden voraussichtlich so stark steigen, dass sie von Zentralbanken aufgekauft werden müssen (die selbst kurz davor stehen, ein negatives Nettovermögen aufzuweisen, weil sie große Verluste bei den bereits gekauften Schulden verzeichnen). Unter diesen Bedingungen scheinen Zinssätze, die hoch genug sind (und Geld und Kredit, die knapp genug sind), um die Inflation zu bekämpfen und Gläubigern angemessene reale Renditen zu bieten, für Schuldner untragbar hoch zu sein. Das bedeutet, dass das System nah am Punkt ist, an dem große Umstrukturierungen notwendig werden."
In seiner Analyse legt Dalio besonderen Wert auf die Rolle der USA und Chinas, insbesondere im Kontext des Großmachtkonflikts. Er geht auch auf die möglichen Auswirkungen des Klimawandels, der Technologie und innenpolitischer Konflikte innerhalb der Länder ein und betont die Notwendigkeit von Zusammenarbeit und einem Fokus auf das Gemeinwohl.
2. Perspektive auf Dalios Analyse
Rays neuester Artikel ist konsistent mit seinen früheren Schriften. (Eine Zusammenfassung seiner früheren Texte findest du hier).
Mit diesem Beitrag ist er hinsichtlich Zeitpunkt und Stand im kurz- und langfristigen Schuldenzyklus deutlich konkreter und direkter. Die US-amerikanischen und taiwanesischen Wahlen 2024 sind nicht mehr weit entfernt. Und angesichts der innenpolitischen Dynamik in beiden Ländern (USA und China) sollten wir aus Rays Perspektive damit rechnen, dass sich die Beziehungen weiter verschlechtern werden. Ich bin nicht sicher, wie viel tiefer das Verhältnis sinken kann, bevor es zu einem direkten oder indirekten kinetischen Konflikt kommt. :(
Hoffentlich wird Kevin Rudd als australischer Botschafter in den USA weiterhin ein starker Fürsprecher für eine geregelte strategische Konkurrenz sein und damit die Chance auf einen „heißen" Krieg reduzieren.
Technologie als eine der fünf treibenden Kräfte hat das Potenzial, sowohl positive als auch negative Konsequenzen hervorzubringen. Da sich AI gerade so rasend schnell entwickelt (wie ich in meinen anderen Beiträgen beschrieben habe), sehe ich, dass sich diese Kraft in Echtzeit entfaltet.
Schließlich ist Dalios Betonung der Zusammenarbeit und des gemeinsamen Handelns zum Wohl aller eine wichtige Botschaft, die uns dazu anregt, über Eigeninteressen hinauszuschauen. Die Geschichte hat jedoch gezeigt, dass Eigeninteressen häufig über kollektive Interessen siegen. Wir sollten vorsichtig optimistisch bleiben, uns aber auch auf potenzielle Herausforderungen und Verwerfungen vorbereiten.
3. Fazit
Ich bin ein Lernender auf diesem Gebiet und werde nicht so tun, als hätte ich alle Antworten. Aber Dalios Analyse ist überzeugend, und aus meiner Lektüre der Geschichte heraus ergibt sein Rahmen viel Sinn. Die Muster, die er identifiziert — Schuldenzyklen, innenpolitische Konflikte, Großmachtwettbewerb — spielen sich gerade alle gleichzeitig ab. Ob sein Timing genau stimmt, weiß ich nicht. Aber ich denke, es ist besser, sich dieser Kräfte bewusst zu sein, als sie zu ignorieren.
Falls du Dalios Buch über die Changing World Order noch nicht gelesen hast, empfehle ich es wirklich sehr. Es hat mein Weltbild grundlegend verändert.
Verfolgst du Dalios Arbeit? Was denkst du über seine Analyse — stehen wir wirklich am Rande einer großen Unordnung, oder ist er zu pessimistisch? Ich würde mich sehr über deine Gedanken freuen.
Viele Grüße,
Chandler
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